Rezension
NDR Kultur Neue CDs, 16.09.2021 | September 16, 2021
BROADCAST: Neue CDs
Der „Basevi Codex“ ist eine sehr, sehr alte Musikhandschrift. Sie enthält Stücke für den praktischen musikalischen Gebrauch, Anfang des 16. Jahrhunderts war sie so begehrt, dass eine kunstvolle Abschrift in Auftrag gegeben wurde. Vermutlich von einer adligen italienischen Familie. Im 19. Jahrhundert erwarb diese kostbar gestaltete Sammlung Abramo Basevi und schenkte sie dem Florentiner Konservatorium. Und davon wiederum gibt es Faksimile-Ausgaben. Nach einem Konzert in Antwerpen wurden diese Bücher den Musikerinnen vom Boreas Quartett Bremen überreicht.
Der Basevi Codex enthält Musik aus der Renaissance, eine Blütezeit für die Consortmusik. Ein Consort bilden Instrumente gleicher Bauart und unterschiedlicher Größen, das können Gamben sein, Zinken oder – wie beim Boreas Quartett Bremen – Blockflöten. Da viele Stücke mit einem Text versehen sind, nahm das Quartett eine Sängerin dazu. Nicht irgendeine, sondern die wunderbare Dorothee Mields. Ein perfektes Match. Weil Blockflötistinnen und Sopranistin so fein aufeinander abgestimmt intonieren und phrasieren, können Grenzen verschwimmen. Der Horizont wird sehr weit, wenn diese archaische Musik so stilsicher gesungen und gespielt wird.
Zwölf Blockflöten zählt das Renaissance-Consort des Boreas Quartett Bremen. Gebaut wurden sie nach Originalinstrumenten aus dem 16. Jahrhundert. Mit der Wahl der Instrumente unterstreichen die Musikerinnen den Charakter der Stücke, in den Texten geht es viel um die Liebe, meistens die unerfüllte, daher überwiegen melancholische Lieder. Im Booklet wird ausführlich beschrieben, wann und in welchen Zusammenhängen die Stücke gespielt wurden. Auch das erweitert den Horizont. Die Komponisten der Stücke sind heute kaum noch bekannt. Einzig Heinrich Isaac und Johannes Ockeghem sind wahrscheinlich denen vertraut, die Musik aus der Zeit vor dem Barock lieben. Es ist ein Wagnis für ein junges Ensemble, sich auf ihrer Debüt-CD damit zu präsentieren, das Boreas Quartett Bremen ist es eingegangen und der Mut zahlt sich aus. Diese überaus gelungene Einspielung macht neugierig auf mehr.