Rezension
Deutschlandfunk 22.08.2021 | 22. August 2021
BROADCAST
Claudio Monteverdi hat ausschließlich Vokalwerke hinterlassen. Die aber stellen an den Organisten Krijn Koetsveld Fragen nach dem idealen Begleitinstrument. Wenn die Blockflötistin Julia Fritz Sonaten aus Monteverdis Umfeld spielt, lautet ihre Antwort: die Antegnati-Orgel in Mantua.
[…] Für die Palastkirche der Gonzaga in Mantua, die Basilika Santa Barbara, schrieb Monteverdi bis zu seinem Wechsel nach Venedig 1613 das Gros seiner geistlichen Werke, darunter auch die Marienvesper. Graziadio Antegnati errichtete in der Kirche 1565 eine Orgel mit einem Manual und angehängtem Pedal. Nach einer aufwändigen Restaurierung besitzt sie heute immerhin noch 300 der originalen Holz- und Metallpfeifen in ihren zwölf Registern vom profunden Kontrabassbereich bis in die zimbelartigen Terz- und Sextlagen der höheren Oktavräume.
Auf einer CD, die kürzlich beim Label Audite erschienen ist, spielt Johannes Hämmerle diese Orgel als Begleiter der Blockflötistin Julia Fritz. Sie hat ihr Solo-Programm aus Werken der Monteverdi-Zeitgenossen Angelo Notari und Giovanni Battista Fontana zusammengestellt.
Musik: Giovanni Battista Fontana – Sonata seconda
Für Violine oder wahlweise andere Instrumente hat Giovanni Battista Fontana aus Brescia die Solopartie von sechs Sonaten komponiert, die 1641 zeitgleich mit Monteverdis „Selva morale e spirituale“ in Venedig im Druck erschienen ist – da war Fontana allerdings schon mehr als zehn Jahre tot.
Dass sich diese brillanten Stücke hervorragend für eine Interpretation auf der Blockflöte eignen, macht Julia Fritz vom ersten Ton an deutlich. Die Preisträgerin des Magdeburger Telemann-Wettbewerbs 2015 ist inzwischen Professorin am Landeskonservatorium Vorarlberg in Feldkirch. Sie spielt mit souveräner Fingerfertigkeit und virtuoser Artikulation.
Ihr Vorarlberger Dozentenkollege Johannes Hämmerle setzt dazu in immer neuen Registerfarben die begleitenden Orgelakkorde, dass es eine Freude ist. Mühelos verbinden sie sich in der weiten Akustik des alten Kirchengewölbes mit den Tongirlanden der verschiedenen Sopran-, Alt- und Tenorblockflöten, die Julia Fritz je nach Charakter eines Stücks wählt.
Von der Empore herabperlende Tongirlanden
Julia Fritz steht auf der Empore neben Johannes Hämmerle; auf der anderen Seite der Orgel tritt gelegentlich die Sopranistin Magdalene Harer hinzu. Sie singt dann die liedhaften Arien, die Angelo Notari zum Ausgangspunkt instrumentaler Variationenfolgen wählt. In einer Ciaccona steuert Reinhild Waldek auf der Harfe federnde Begleitakkorde bei, deren Leichtigkeit auf die Orgelklänge abzufärben scheint. Den Dienst des Kalkanten für den auch in dieser Aufnahme „handgeschöpften“ Orgelwind hat der Toningenieur Thomas Becher übernommen.
Musik: Angelo Notari – Ciaccona
Angelo Notari, der vermutlich aus Padua stammte, trug den virtuosen Glanz der italienischen Barockmusik schon 1610 nach London. Dort hat er einen umfangreichen Manuskriptband hinterlassen, in dem Julia Fritz Preziosen wie die „Aria sopra la Monica“ gefunden hat – eine von mehreren Ersteinspielungen auf dieser CD. Notari bietet hier Paradebeispiele für die um 1600 übliche Diminutionspraxis: die phantasievolle figurative Ausgestaltung einer vorgegebenen Melodie.
Musik: Angelo Notari – Aria sopra la Monica
Ob diese kurzweilige Mischung aus Fontanas Sonaten und den eindeutig weltlichen Variationen Notaris wohl auch schon zu Monteverdis Zeiten in einem Gotteshaus geduldet worden wäre? Die populäre „Monica“-Weise erfreute sich damals zumindest auch bei protestantischen Kirchenliedschöpfern als Choralmelodie großer Wertschätzung.
Finale für Orgel solo
Das musikalische Schlusswort überlässt Julia Fritz ihrem Begleiter Johannes Hämmerle. Das zeigt Größe. An der Antegnati-Orgel spielt er eine Toccata von einem Mantuaner Kollegen Monteverdis, dem Hoforganisten Francesco Rovigo.
Musik: Francesco Rovigo – Toccata