Rezension
Fono Forum 06/02 | Michael Stenger | 1. Juni 2002
Begeisternder Hammerflügel
Von ihrem Vater Johann Andreas Stein übernahm die offenbar tatkräftige Augsburgerin Nannette Stein, die den Schiller-Weggefährten Andreas Streicher heiratete und natürlich dessen Namen annahm, 1792 den angesehenen Klavierbaubetrieb. Sie verbesserte die Mechanik, setzte neue Akzente und trug entscheidend dazu bei, dass prominente Interpreten wie Komponisten ihre Instrumente mit Wertschätzung bedachten.
Hört man diese geschlossene und inspirierende Aufnahme mit einer Auswahl aus Mendelssohns "Liedern ohne Worte", wird man die Begeisterung begreifen: Der Hammerflügel von 1829 gewinnt durch die oberschlägige Mechanik und den durchgängigen Resonanzboden einen satten, sinnlichen Klang. Die Möglichkeiten der dynamischen Stufungen sind enorm. Schnelle Repetitionen bilden allerdings ein Problem, was der ausgesprochen virtuosen Literatur nicht zuträglich ist. Es existieren weltweit nur noch fünf spielbare Instrumente dieser besonderen Art.
Die aus Stuttgart stammende Pianistin Heidi Kommerell, Gründerin des Cristofori Hammerklaviertrios, hat sich zweifellos intensiv mit den Feinheiten des wunderbaren Streicher-Flügels auseinandergesetzt. Ihre Auswahl der "Lieder" dokumentiert das. Dort, wo kantable Linien entwickelt werden, blüht das Instrument auf. Diese Mendelssohn-Stücke werden oft als bloße Klavierstunden Musik geschunden. Heidi Kommerell nimmt sie ernst. Sie verlässt in ihren beherzten Deutungen die Sphäre des Salons, entdeckt ihren natürlichen Charme, der keiner Sentimentalität, keiner Süßlichkeit bedarf. Mit Verve und Wärme, aber ohne künstliche Tiefgründelei formt sie Charakterstücke. Manches kann man vielleicht delikater gestalten. An Herzenswärme fehlt es Heidi Kommerell freilich nicht.